Warum empfehlen so viele Agenturen Asien als ersten internationalen Markt?!
Diese Empfehlung ist so verbreitet, dass sie fast schon zur Standardaussage der Branche geworden ist. Und wie bei vielen Branchenstandards steckt dahinter sowohl echte Substanz als auch ein Teil Eigeninteresse. Beides zu verstehen, hilft dir, die Empfehlung richtig einzuordnen.
Die ehrlichen Gründe – warum Asien für viele Models tatsächlich Sinn ergibt
Erstens: der Einstieg ist niedrigschwelliger. Märkte wie Bangkok, Shanghai, Taipei oder Seoul sind historisch gesehen offener gegenüber Models ohne umfangreiches Tear-Sheet Portfolio. Während Mailand oder Paris ein bereits entwickeltes Buch und nachweisbare Erfahrung voraussetzen, geben asiatische Agenturen vergleichsweise häufig auch Models eine Chance, die sich noch im Aufbau befinden – vorausgesetzt, das Profil passt zum lokalen Marktbedarf.
Zweitens: der kommerzielle Markt ist stark. Asien – allen voran China, Japan und Südkorea – verfügt über eine enorme Konsumgüter- und Beauty-Industrie, die kontinuierlich westliche Gesichter und Körper für Kampagnen, Kataloge und E-Commerce-Produktionen bucht. Das bedeutet in der Praxis eine vergleichsweise hohe Buchungsfrequenz, die es einem Model erlaubt, sowohl Einnahmen zu generieren als auch das Portfolio zügig aufzubauen.
Drittens: die Lebenshaltungskosten sind in vielen asiatischen Märkten – gemessen an den erzielbaren Raten – günstiger als in westeuropäischen oder nordamerikanischen Märkten. Bangkok ist hier das klassische Beispiel: Moderate Lebenshaltungskosten bei gleichzeitig solider Buchungsfrequenz.
Viertens: Asien funktioniert als Sprungbrett. Ein gut aufgebautes Portfolio aus asiatischen Produktionen – insbesondere aus Japan oder China – wird in vielen westlichen Märkten als professioneller Nachweis anerkannt. Wer mit einem starken Tear-Sheet aus Tokio zurückkommt, hat in Europa und den USA bessere Karten als jemand, der ausschließlich lokale Produktionen vorweisen kann.
Was dabei oft verschwiegen wird
Die Empfehlung ist nicht für jedes Model gleich sinnvoll – und das wird in Gesprächen mit Agenturen nicht immer transparent kommuniziert.
Asiatische Märkte haben sehr spezifische Vorstellungen davon, welche Typen gefragt sind. In vielen Märkten – insbesondere in China und Südkorea – dominieren sehr präzise Maß- und Look-Anforderungen. Models, die diesen Anforderungen nicht entsprechen, werden dort trotz offener Grundhaltung wenig buchen. Die pauschale Empfehlung „geh erst nach Asien” ignoriert diese Typfrage vollständig.
Hinzu kommt: Nicht alle asiatischen Märkte sind gleich. Bangkok, Shanghai, Tokio, Seoul und Taipei sind grundlegend verschiedene Märkte mit unterschiedlichen Buchungskulturen, Ratenstrukturen, Visaanforderungen und Arbeitsrealitäten. Wer „Asien” als homogene Empfehlung ausspricht, zeigt damit oft, dass er die Region nicht wirklich differenziert kennt.
Und wo kommt das Eigeninteresse der Agenturen ins Spiel?
Viele europäische Mutteragenturen unterhalten feste Partneragentur-Netzwerke in Asien – und profitieren finanziell davon, wenn sie Models dorthin schicken. Die Empfehlung „geh nach Bangkok” kann also gleichzeitig gut für dich und gut für die Agentur sein. Das schließt sich nicht aus – aber es lohnt sich, zu wissen, dass beides zutreffen kann.
Eine seriöse Agentur wird dir nicht pauschal „Asien” empfehlen, sondern dir erklären können, warum ein konkreter Markt zu deinem konkreten Profil passt – mit Blick auf deinen Typ, dein Erfahrungslevel, deine finanziellen Möglichkeiten und deine Karriereziele.
Was du aus dieser Empfehlung mitnehmen solltest
Asien kann ein ausgezeichneter erster internationaler Markt sein – aber nur, wenn die Empfehlung auf dich zugeschnitten ist und nicht auf eine Standardformel. Die richtigen Fragen sind: Welcher asiatische Markt konkret? Warum passt er zu meinem Typ? Welche Agentur vor Ort? Welche realistischen Erwartungen an Bookings und Verdienst? Und was kommt danach?
Wer diese Fragen nicht beantworten kann oder will, empfiehlt Asien aus Gewohnheit – nicht aus Überzeugung.
